Welche Gefahren drohen bei einer Freisetzung?

Radioaktive Substanzen wirken durch ihre Alpha-, Beta- oder Gamma-Strahlung. Sie können als Feststoffe, Flüssigkeiten oder Gase vorliegen und werden vom Organismus unterschiedlich aufgenommen. Dadurch entfalten sie jeweils eine andere Art von Gefährdung. Vor allem zu Beginn eines Unfalls mit hochradioaktiven Stoffen können die leicht flüchtigen Stoffe sich schnell in der Umgebung verbreiten. Schwer flüchtige Stoffe können aber ebenfalls problematisch werden, wenn sie durch Brände, Explosionen etc. verteilt werden und dann langfristig Böden oder Gewässer kontaminieren.

Zur Hochzeit des Kalten Krieges wurden durch Atombombentests große Areale verstrahlt, bis sich die Atommächte darauf einigen konnten, nur noch unterirdische Tests durchzuführen. Auch hierbei traten jedoch wiederholt Kontaminationen auf, weil die Stärke der Explosionen mitunter Risse ins Gestein sprengte, durch die dann doch radioaktive Stoffe an die Umwelt gelangten.

Die beiden schwersten Reaktorkatastrophen waren Tschernobyl und Fukushima. In Tschernobyl geriet der Reaktor in einen überkritischen Zustand, bei dem die Leistung explodierte, weil die Betriebsmannschaft unter Zeitdruck Bedienfehler beging und Sicherheitsregeln umging. Dies geschah ausgerechnet bei einem Test, der der Erhöhung der Sicherheit dienen sollte und zur Erprobung neuer Notfallmaßnahmen durchgeführt wurde. Dabei erhitzte und deformierte sich der Reaktorkern unkontrollierbar. Dies sprengte den Reaktor auf und führte zu einem Großbrand, bei dem ein erheblicher Teil des radioaktiven Inventars in umliegende Landstriche verteilt wurde. Je nach Windrichtung und Niederschlag kamen diese Substanzen wieder herunter. Weite Gebiete, wie ein Flickenteppich verteilt, sind deshalb noch über Jahrzehnte bis Jahrhunderte für den Menschen gesperrt. Gesundheitsbehörden rechnen mit mehreren Tausend Toten durch dieses Unglück; manche Forscher sehen diese Zahlen als optimistisch an.

Die sogenannte Ostural-Spur zeigt die Größe des stark kontaminierten Gebietes nach einer Explosion in einem großen Tank mit hochradioaktiven Substanzen in Kyshtym. (Bild: Jan Rieke, maps-for-free.com; Minimap: NordNordWest, Historicair, Bourrichon, Insider, Kneiphof)

In Fukushima havarierten durch Überhitzung nach vollständigem Ausfall der Kühlsysteme gleich drei Reaktoren. Es wurden aber geringere Mengen an radioaktivem Material als in Tschernobyl freigesetzt, da der dort eingesetzte Reaktortyp eine zusätzliche Schutzhülle besaß und kein offener Brand auftrat. Zudem hatte die Bevölkerung viel Glück, weil günstige Winde einen großen Teil der Radioaktivität in den Pazifik bliesen, wo sie stark verdünnt wurde.

Abgesehen von großen Reaktorkatastrophen sind auch wiederholt Unfälle mit gelagerten radioaktiven Substanzen vorgekommen. Der größte ist die Explosion eines Tanks mit Rückständen aus der Atomwaffenproduktion im russischen Kyshtym im September 1957. Die größte Freisetzung an radioaktiven Substanzen in den USA war der Bruch eines Dammes bei Church Rock, der giftige Schlämme aus dem Uranbergbau zurückhalten sollte. Hierbei wurden große Areale kontaminiert, auf denen amerikanische Ureinwohner leben. Andere Unfälle geschahen in Laboren oder mit radiomedizinischen Präparaten. Nicht alle dieser Unfälle sind sauber dokumentiert oder epidemiologisch ausgewertet.

Große Sorge bereiten Sicherheitsexperten mögliche Terroranschläge mit radioaktiven Substanzen. Es ist glücklicherweise sehr schwierig, – und für Terrorgruppen nicht zu bewerkstelligen – Atombomben zu bauen. Nur Spezialisten in großen staatlichen Forschungseinrichtungen sind in der Lage, Atomwaffen so zu bauen, dass sie verheerende Wirkung besitzen. Terroristen könnten sich jedoch radioaktiver Substanzen bemächtigen und sie mit Hilfe gewöhnlichen Sprengstoffs in der Umgebung verbreiten. Dies wird als schmutzige Bombe bezeichnet. Wenn eine solche Bombe etwa im Zentrum einer internationalen Metropole gezündet wird, könnte dies die Stadt lahmlegen. Bislang sind solche Anschläge allerdings ausgeblieben. Laut neueren Studien wäre die Gefahr durch die Radioaktivität wohl begrenzt, wenn die Evakuierungen greifen. Durch Dekontaminierungsmaßnahmen ließen sich die radioaktiven Stoffe gut eindämmen und beseitigen. Die Anzahl an Opfern wäre deshalb wahrscheinlich recht gering und der Schaden stärker psychologischer und wirtschaftlicher Art.

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