Psychologische Folgen

Eine große Schwierigkeit bei der Bewertung radioaktiver Unfälle sind die psychologischen Folgen. Bereits bei den epidemiologischen Studien dauert es oft Jahre und Jahrzehnte, bis belastbare Statistiken zur Krebsgefährdung und zu den Opferzahlen vorliegen. Die psychologischen Auswirkungen lassen sich aber noch schlechter nachweisen und quantifizieren. Sie sind auch außerordentlich vielfältiger Art.

Von den Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gingen viele durch ein lebenslanges Martyrium. Neben der Traumatisierung durch die Bombe hatten viele von ihnen nicht nur konkret unter gesundheitlichen Problemen zu leiden. Viele lebten auch im Bewusstsein, dass sie ein erhöhtes Krankheitsrisiko besaßen. Dies ist auch dann eine Einschränkung der Lebensqualität, wenn keine Symptome einer durch Radioaktivität verursachten Krankheit auftreten.

Hinzu kam die unvermeidliche Stigmatisierung durch den Rest der Gesellschaft. Wer gesundheitlich unter Problemen zu leiden hat, deren Ursache von anderen Menschen nicht verstanden wird, bekommt häufig einen Stempel aufgedrückt, von dem er sich nur schwer befreien kann. Das Meiden unbekannter, kranker Menschen mag ein urmenschlicher Instinkt sein, der etwa bei Infektionskrankheiten sinnvoll gewesen sein kann. Strahlenopfer übertragen aber keine Krankheiten. Solange sie keine schädlichen Mengen an strahlenden Substanzen an oder in sich tragen, sind sie für ihre Umwelt keine Gefahr.

Die psychologischen Folgen von Strahlenunglücken können immens sein. Die mit ihnen einhergehende Angst wird dadurch erhöht, dass die meisten Menschen sich von Radioaktivität und ihren Gefahren kein genaues Bild machen können und deshalb eine diffuse Furcht entwickeln, die sehr mächtig werden kann. Einige Experten, die die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl untersucht haben, bewerten deshalb die psychologischen Folgen als noch schwerer als die Strahlenfolgen. Wenn an den Strahlenfolgen dieses Unglücks einige Tausend Menschen gestorben sind, so ist die insgesamt betroffene Anzahl an Menschen noch sehr viel größer. Mehrere Hunderttausend Menschen mussten evakuiert werden. Sie verloren nicht nur ihre Heimat, viele verloren auch ihren Job und ihr soziales Umfeld. Es lässt sich kaum abschätzen, wie viele dieser Menschen in Folge dieser Ereignisse Ängste, Traumata, Alkohol- und Drogenprobleme etc. entwickelt haben. Mit Sicherheit aber haben auch die psychologischen Folgen des Unglücks vielen Tausend Menschen das Leben sehr viel unangenehmer gemacht oder sogar deutlich verkürzt.

Als Folge der Katastrophe von Fukushima ist auch zu beachten, dass die landwirtschaftliche Produktion der Präfektur massive Einbußen erlitt. Neben den anderen Problemen, mit denen die dortige Bevölkerung zu kämpfen hat, ist die eigentlich für ihre hohe Qualität geschätzte Agrarwirtschaft der Präfektur Fukushima in eine schwere Krise geraten. In anderen Teilen Japans verkauft sich Ware aus der Region selbst dann schlecht, wenn sie nach allen Messwerten unbedenklich ist.

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