Offene Fragen und der Faktor Mensch

Das entscheidende Problem am gesamten Komplex der Entsorgung von Atommüll sind die gigantischen Zeiträume, über die hochradioaktive Substanzen gefährlich sind. Zum Vergleich: Ein Endlager soll mindestens eine Million, besser mehrere Millionen Jahre sicher sein. Solche Zeiträume sind geologisch gesehen zwar nicht besonders lang. In menschlichen Maßstäben jedoch sind sie praktisch unendlich.

Typische Zeiträume

Die Pyramiden sind gerade einmal 5000 Jahre alt, Ackerbau und Viehzucht gibt es seit rund 10.000 Jahren. Die letzte Eiszeit endete vor 12.000 Jahren. Nicht nur durch die Eiszeit sind zahlreiche Völkerwanderungen ausgelöst worden. Der moderne Mensch lebt seit weniger als 200.000 Jahren auf unserem Planeten. Unser entfernter Cousin, der Neandertaler, ist erst seit 30.000 Jahren ausgestorben. Vor rund einer Million Jahren benutzten Vormenschen der Gattung homo erectus bereits das Feuer. Die ältesten Vorfahren der Gattung Homo, die sich von anderen Primaten abgespaltet hatte, homo rudolfensis und homo habilis, lebten vor ungefähr zwei Millionen Jahren.

Der Zeitraum, über den wir bei der Endlagerplanung Entscheidungen treffen möchten, erstreckt sich also ungefähr so weit in Zukunft, wie in der Vergangenheit von unseren frühesten vormenschlichen Vorfahren bis heute verstrichen ist.

Darüber, was in der Zwischenzeit passieren könnte, lassen sich natürlich nur wilde Spekulationen anstellen. Es gibt eine Reihe von Fehlerquellen, die alle heutigen Berechnung über den Haufen zu werfen vermögen.

Unsicherheit und Neuheit naturwissenschaftlicher Theorien

Unsere Theorien unterliegen einem gewissen Wandel. Was vor hundert Jahren noch als gesichertes Wissen galt, ist heute durch bessere Theorien ersetzt oder in seiner Bedeutung eingeschränkt. Vieles an heutigem Wissen ist aber bis in die Details gut erforscht. In der Kernphysik etwa ist das Konzept der Halbwertszeiten mittlerweile so gut verstanden, dass Wissenschaftler hier keine revolutionären Neuerungen erwarten.

In der Geologie beruft man sich weniger auf eine zugrunde liegende Theorie und stärker auf Erfahrungswerte und Messungen. Aber auch als gut gesicherte Theorien und Hypothesen mussten immer wieder revidiert werden. Noch ist die Geoforschung etwa nicht weit genug, um Erdbeben oder Vulkanausbrüche präzise vorhersagen zu können. Die moderne Naturwissenschaft ist erst wenige Jahrhunderte alt; viele für den Themenkomplex Atommüll relevante wissenschaftliche Disziplinen sind noch deutlich jünger und befinden sich in stürmischer Entwicklung.

Unwägbarkeiten politischer Entscheidungsfindung

Es wäre naiv zu glauben, dass die Entscheidung für ein Endlager zwangsläufig einem ethisch und wissenschaftlich wohl durchdachten Kompromiss entsprechen würde. In der politischen Entscheidungsfindung spielt der Pfad des geringsten Widerstandes und der geringsten augenblicklichen Kosten eine entscheidende Rolle. Dies könnte sich als gravierend suboptimal herausstellen. Es gibt derzeit auf vielen Gebieten Defizite im Bereich demokratischer Teilhabe, wodurch manche Interessengruppen massiv begünstigt werden. Künftige Generationen können ihre Interessen uns gegenüber nicht vertreten.

Auf dem derzeitigen Entwicklungsstand demokratischer Kultur ist zu befürchten, dass die berechtigten Interessen unserer Nachkommen keine Berücksichtigung finden. Auch ein Obmann, der zumindest der Funktion nach die Stimme unserer Nachfahren vertreten soll, kann nicht wissen, was diese wünschen werden.

Keine Kommunikation gewährleistet

Ein zentrales Problem bei der Lagerung gefährlicher Substanzen liegt in der Wandlungsfähigkeit der menschlichen Sprache. Im Lauf der Zeit verändern sich Aussprache, Begriffe und Symbole. Über einige tausend Jahre betrachtet verändern sich Sprachen so stark, dass keine Kommunikation mehr möglich ist. Sprachforscher vergleichen die Schwierigkeit, Dokumente für eine ferne Zukunft zu hinterlassen, mit der Schwierigkeit, mit möglicherweise unbekannten Lebensformen zu kommunizieren.

Aus diesem Grund wurden von verschiedenen Seiten eine ganze Reihe von Vorschlägen gemacht, wie man eine Endlager kennzeichnen könnte. Keiner dieser Vorschläge garantiert, dass unsere Nachfahren die Symbole verstehen werden, so diese denn dem Zahn der Zeit überhaupt lang genug standhalten.

Es herrscht noch nicht einmal Einklang darüber, ob es vielleicht nicht besser wäre, das Endlager möglichst schnell in Vergessenheit geraten zu lassen, damit keine Terroristen oder fragwürdigen Staatsoberhäupter mit dem Atommüll Unfug anstellen. Zusammenfassen lässt sich festhalten:

Es besteht keine Möglichkeit, fernen Nachfahren sichere Information über das Endlager und die von ihm ausgehenden Gefahren zu hinterlassen.

Mögliche Besiedlung oder Bergbautätigkeit

Die Wahl eines Endlagerstandortes wird nach heutigem Stand der Dinge nach dem geringsten politischen Widerstand und einer passenden geologischen Eignung geschehen. Damit kommen nur dünn besiedelte und bergbaulich noch unerschlossene Felsformationen in Frage. Im Lauf der kommenden Jahrhunderttausende werden aber sicherlich Eiszeiten und Völkerwanderungen stattfinden, Sprachen werden vergessen und neue entstehen, Menschen werden sich neuen Siedlungsraum suchen und an Stellen in der Erde graben, an denen sie bislang noch nichts gefunden haben. Durch Siedlungs- oder Bergbau können Gesteinsformationen aber zerklüftet und wasserdurchlässig werden.

Wenn wir unsere Nachfahren nicht vor den Gefahren eines Endlagers warnen können, dann lässt sich nicht ausschließen, dass sie unwissend die Integrität des Wirtsgesteins des Endlagers beschädigen.

Wir können nicht vorhersehen, ob unsere Nachfahren ausgerechnet da nach Salz, Erdgas oder Öl bohren werden, wo wir ein Endlager eingerichtet haben. Gerade weil die Felsformation, die wir für das Endlager gewählt haben, so alt und unbeschädigt ist, könnten unsere Nachfahren denken, dass sich dort noch Rohstoffe fördern lassen.

In den letzten Jahrtausenden gab es im Vergleich zu heute extrem wenige Menschen auf unserem Planeten. Sie konnten auf ihrem Stand der Technik auch nicht allzu tief graben. Dies hat sich grundlegend geändert. Es ist deshalb nicht verständlich, warum die Wahl eines Endlagerstandorts nur nach geologischen Gesichtspunkten geschehen soll. Immer mehr Wissenschaftler bezeichnen das heutige Erdzeitalter als Anthropozän, weil der Einfluss des Menschen auf die gesamte Erdoberfläche und ihre Stoffkreisläufe umfassend geworden ist.

Jegliche Art der Lagerung von Atommüll sollte mögliche menschliche Einflüsse berücksichtigen.

Unklare Kosten

In die Kostenrechnung von Endlagern geht nur ein, was wir heute als notwendig bzw. kalkulierbar erachten. Hierzu gehören Bergbau, Einlagerung, Schließung und Überwachung für die ersten paar Dutzend bis Hundert Jahre. Es ist aber anzunehmen, dass unsere Nachfahren schon aus Sorge um mögliche schädliche Entwicklungen das Endlager noch sehr viel länger und intensiver überwachen werden, als wir es uns heute vorstellen.

Diese Kosten gehen in heutige Berechnungen nicht ein. Vielleicht werden unsere Nachkommen auch auf die Idee kommen, die Behälter zu bergen, weil sie in ihren Augen bessere Entsorgungsmöglichkeiten haben werden. Vielleicht stellen sie auch fest, dass unsere Wahl des Endlagers alles andere als optimal war. Die Bergung der Behälter könnte dann dramatisch teurer oder billiger werden, je nachdem, wie und wo wir den Müll einlagern.

Welche Kosten schließlich entstehen, falls etwas schief läuft und beispielsweise eine größere Stadt aufgegeben werden muss, weil die Menschen dort irgendwann herausfinden, dass sie in der Nähe eines Endlagers wohnen und von dort wegziehen möchten, lässt sich heute überhaupt nicht vorhersehen. Über Jahrhunderttausende gesehen kann beliebig viel passieren. Die Entscheidungen unserer Nachfahren müssen auch nicht unbedingt rational sein – genauso wenig wie unsere Wahl eines Endlagerstandortes. Diese Entscheidungen könnten nach einer gefährlichen Kontamination mit vielen Geschädigten und Todesfällen fallen oder schon bei einer nur leichten Erhöhung der örtlichen Radioaktivität.

Mögliche technische Entwicklungen

Die Menschheit hat in den letzten Jahrhunderten aufgrund der rasanten Entwicklung von Wissenschaft und Technik eine unglaubliche Steigerung ihrer Handlungsmöglichkeiten erlebt. In den letzten Jahrzehnten ist das Unternehmen Wissenschaft zunehmend global geworden und hat sich immer weiter beschleunigt.

Erst seit wenigen Jahrhunderten ist bekannt, nach welchen Gesetzen sich der Mond um die Erde und beide um die Sonne drehen. Früher war die Erde flach, Mond, Sonne und Planeten galten als Gottheiten. Mittlerweile standen Menschen auf dem Mond; die meisten Planeten haben Besuch von Raumsonden erhalten. Die künftige Entwicklung der menschlichen Technik ist nicht vorherzusehen. Immer wieder hat es auch Rückschritte und dunkle Zeitalter gegeben. Die derzeitige Entwicklung lässt aber nicht nur hoffen, sondern erwarten, dass die kommenden Generationen sehr viel fortschrittlichere Theorien und Technologien besitzen werden, als wir sie haben. Mit diesen Möglichkeiten werden sie vielleicht sehr viel verantwortlicher mit dem Atommüll umgehen können als die gegenwärtigen Generationen.

Die Kernspaltung ist nicht einmal achtzig Jahre alt. Gegenwärtig macht die Forschung auf dem Gebiet der Kern- und Teilchenphysik enorme Fortschritte. Heute können Forscher Beschleuniger bauen oder Elemente künstlich herstellen, über deren Existenz sich noch vor wenigen Jahrzehnten nur spekulieren ließ. Es ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahrzehnten noch große Fortschritte auf diesen Gebieten erzielt werden, ebenso wie in der Materialforschung, der Geologie und anderen Gebieten, die für die Entsorgung von Atommüll relevant sind.

Man kann deshalb die Frage stellen, ob es auf dem gegenwärtigen Stand der Technik nicht vermessen ist, Fakten für Jahrhunderttausende zu schaffen? Dies führt aber zu den grundlegenden ethischen Problemen der Endlagerung, die noch sehr viel schlechter geklärt sind als die naturwissenschaftlich-technischen.

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