Ethische Probleme

Es bestehen noch so viele grundsätzliche ethische Probleme im Umgang mit Atommüll, dass hier nur einige besonders wichtige angeschnitten werden können. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft stärker interdisziplinär und international auf diesem Gebiet geforscht wird. Die Kosten hierzu würden nur einen bescheidenen Bruchteil dessen ausmachen, was schlechte Lagerplanung, Polizeieinsätze und dergleichen verursachen.

Sklavenhandel und Entscheidungen über Dritte

Ein Sklavenhändler und ein Plantagenbesitzer können sich völlig darüber einig sein, dass die Sklaverei ein akzeptables Geschäft ist. Die Stimme des Sklaven werden sie nicht hören wollen. Sie treffen damit Entscheidungen über Dritte, die sich nicht Gehör verschaffen können.

Die Stimme künftiger Generationen können wir nicht hören. Nach welchen Maßstäben wollen wir überhaupt auf die Interessen von Menschen eingehen, die von unseren Handlungen betroffen sein können? Auf welche Profite und Bequemlichkeiten sind wir bereit zu verzichten, wenn wir nicht einmal wissen können, inwieweit unsere Handlungen die Interessen Dritter betreffen und wie diese Menschen unsere Handlungen bewerten werden?

Das Verursacherprinzip

Eine wichtige Frage besteht darin, wie wir mit Zivilisationsabfällen umgehen wollen. Wir gehen in unseren juristischen Vorstellungen davon aus, dass jemand, der Kosten verursacht, diese auch tragen sollte. Dieses Prinzip wird allerdings nur sehr begrenzt umgesetzt. Die gesamte Wirtschaftsweise der globalen Industriegesellschaft beruht darauf, dass wir Atmosphäre und Gewässer als Deponien für Kohlendioxid und vielerlei andere Substanzen benutzen. Wir hinterlassen Rückstände, die wir nicht beseitigen können oder wollen, ohne in irgendeiner Form für die Schäden aufzukommen.

Es wäre ethisch mit Sicherheit edler von den gegenwärtig lebenden Generationen, unseren Planeten nicht mit Unmengen von Rückständen unserer komfortablen Lebensweise zu hinterlassen. Ebenso wäre es wünschenswert, unseren Nachkommen keine Sorgen um möglicherweise gefährlichen Strahlenmüll zu vermachen. Eine wichtige Frage ist deshalb diese: In welchen Fällen und in welcher Form sollten Gesellschaften für ihre Hinterlassenschaften Sorge tragen?

Wann ist es gerechtfertigt, kommenden Generationen die Verantwortung zu übertragen, obwohl dies den Nachfahren nur Kosten und keinerlei Gewinne verursacht? Oder sollte grundsätzlich jede Gesellschaft ihren Müll so gut wie möglich selbst entsorgen, auch wenn sich in Zukunft bessere Entsorgungsmethoden am Horizont abzeichnen?

Wie sicher müssen schädliche Stoffe vor kriegerischen Handlungen geschützt werden?

Der Mensch ist leider kein stets friedfertiges Wesen. Überall auf unserem Planeten, zu jeder Epoche und in jedem Kulturkreis, ist es wiederholt zu kriegerischen und gewalttätigen Akten gekommen. Mit Fortschritten in der Waffentechnik ist dabei auch das Zerstörungspotenzial stetig gestiegen.

Radioaktive Substanzen sollten also auf jeden Fall so gelagert werden, dass sie vor Terroranschlägen, Sabotage, Krieg oder auch vor Unfällen wie Flugzeugabstürzen etc. geschützt sind. Hier besteht aber Klärungsbedarf, inwieweit damit einhergehende Transporte vielleicht ihrerseits Risiken bedeuten, die gegen andere Gefahren abzuwägen sind.

Heute lagern weltweit sehr große Mengen an Atommüll direkt in oder bei Kernkraftwerken. In oberirdischen Zwischenlagern wären sie besser geschützt, in unterirdischen Lagerhallen noch besser.

Rückholbarkeit

Es ist auch nicht klar, ob und wie lange Atommüllbehälter rückholbar gelagert werden sollen. Manch einer aus Politik und Nuklearwirtschaft befürchtet, wenn das Thema Rückholbarkeit zu stark in den Medien auftaucht, dann könnte in der Bevölkerung das Gefühl entstehen, dass Endlagerung doch nicht so endgültig ist wie angepriesen.

Dennoch ist es in einigen Ländern wie Frankreich oder den USA mittlerweile offizielles Konzept, die Rückholbarkeit von Atommüll zumindest über einige Jahrhunderte sicherzustellen. Nur wenn ein Endlager rückholbar angelegt ist, können sich kommende Generationen ohne massive Probleme Zugriff auf die Behälter verschaffen. Die Gründe hierfür könnten vielfältig sein und jenseits unseres heutigen Horizonts liegen.

Meist sehen diese Pläne vor, für etwa 100 oder 300 Jahre die Rückholbarkeit zu garantieren. Aber diese Zahlen sind natürlich recht willkürlich. Es könnte ja sein, dass in den nächsten 100 Jahren keine bedeutenden Fortschritte in der Behandlung von Atommüll erzielt werden. Wenn dann aber in 500 Jahren endlich ein Durchbruch bei der Entsorgung von Atommüll geschieht, was dann, wenn die Stollen sämtlich unzugänglich geworden sind?

Eine Frage wäre also, ob man ein Endlager nicht so anlegen sollte, dass jede Generation mit möglichst geringem Aufwand die Rückholbarkeitsdauer verlängern kann?

Dies steht in gewissem Gegensatz zum Verursacherprinzip, demzufolge man künftigen Generationen möglichst geringe Verpflichtungen hinterlassen sollte. Wenn sich aber ohnehin nicht ausschließen lässt, dass sich kommende Generationen um unseren Atommüll Sorgen machen werden, wo könnte dann ein fairer Kompromiss liegen? 

Die ethischen Fragen, um die es hier geht, sind hochgradig unzureichend in der akademischen Landschaft repräsentiert – und dies, obwohl sie für eine unglaubliche Anzahl von Menschen über unglaubliche Zeiträume relevant sind. Es wäre wünschenswert, wenn Lehrstühle für Nuklearethik eingerichtet würden, an denen die Kompetenzen auf dem Gebiet gebündelt werden. Es ist bezeichnend für unser Wissenschaftssystem, dass einerseits weder Forscher aus den Naturwissenschaften sich für einen solchen Lehrstuhl stark machen – denn dann könnten sie an Deutungshoheit verlieren. Andererseits gibt es Philosophieprofessoren, die befürchten, ein solcher Lehrstuhl würde die dünne finanzielle Deckung der philosophischen Landschaft weiter belasten.

Änderung ethischer Einstellungen

Wir leben in unserer Zeit und mit unseren ethischen Vorstellungen. Diese haben sich aber ebenso wie die Lebensweise von Zivilisationen immer wieder geändert. Anthropologen können zwar einige mehr oder weniger allgemeingültige moralische Konstanten ausmachen. Aber Moral ändert sich und damit auch die Beurteilung dessen, ob und wie man die Interessen kommender Generationen berücksichtigt.

Es könnte also sein, dass unsere Nachkommen wesentlich strengere oder laxere ethische Prinzipien zur Grundlage ihrer Zivilisation machen. Über lange Zeiträume gesehen wird es wahrscheinlich zu einem häufigen Wechsel mehr und weniger strenger Moralvorstellungen kommen.

Wir werden mit unseren Handlungen mit Sicherheit nicht all diesen Vorstellungen gerecht werden können. Aber wenn wir möglichst vielen gerecht werden wollen, kommen wir nicht umhin, bei wichtigen Zukunftsfragen sehr strenge ethische Maßstäbe anzulegen.

Autonomie für künftige Generationen

Die Frage stellt sich dann, was eine möglichst allgemeingültige Ethik gegenüber unseren Nachkommen sein könnte. Wenn sich Wissenschaft und Technik, moralische und politische Vorstellungen, Lebens- und Gesellschaftsformen ändern können, was folgt daraus für unseren Umgang mit Zivilisationsmüll allgemein und mit Atommüll im besonderen?

Diese Frage ist sehr umfassend. Sie kann nie ganz geklärt werden, sondern muss immer wieder neu aufgeworfen und ausgehandelt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass all unsere heute verfügbaren Atommüll-Lösungen keineswegs endgültig, sondern eher endlos sind, ist mit Sicherheit das Prinzip wichtig, unseren Nachfahren eine möglichst große Entscheidungsfreiheit zu gewährleisten.

Je stärker wir sie vor vollendete Tatsachen stellen, desto mehr berauben wir sie der Möglichkeit, bessere Entsorgungsmethoden zu entwickeln. Wenn wir Atommüll unrückholbar in Gestein einschließen, entmündigen wir unsere Nachfahren, es besser zu machen als wir.

Aber auch für den Einschluss kann es gute Gründe geben. Wenn mit unmittelbaren kriegerischen Auseinandersetzungen gerechnet werden muss, ist es vielleicht besser, Atommüll möglichst zügig und unzugänglich unter die Erde zu bringen. Die optimale Entsorgungsmethode ist dies jedoch sicherlich nicht.

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