Dauerlager

Man kann den Stand der Dinge vielleicht mit kurzen Worten festhalten: Es gibt heute keinen Weg, verantwortungsvoll mit Atommüll umzugehen. Was auch immer wir tun, bringt uns mit unserem Verantwortungsgefühl gegenüber kommenden Generationen in Konflikt.

Wir sollten uns deshalb nicht allein auf das heute Machbare und Denkbare beschränken, sondern uns auch die Frage stellen, was für kommende Generationen eigentlich wünschenswert sein könnte.

Es erscheint nicht nur dem Autor dieses Blogs ethisch zweifelhaft, Tausende von Generationen unserer Nachkommen vor vollendete Tatsachen zu stellen, wenn die Technologie, die diese Schwierigkeiten mit sich bringt, gerade erst einmal seit zwei, drei Generationen erforscht wird.

Die Frage ist dann, wie wir damit umgehen, dass wir keine gute Lösung parat haben. Man könnte sagen: Dann lasst uns den Atommüll wenigstens so gut wie möglich in tiefem Gestein einschließen und hoffen, dass künftige Generationen von gravierenden Problemen verschont bleiben. Die psychologischen Folgen auf Tausende von Generationen unserer Nachkommen können wir aber nicht abschätzen. Denn psychologische Folgen werden sicherlich eintreten, auch wenn die effektive Strahlenbelastung vielleicht gar nicht allzu groß ist. Dieses Forschungsgebiet ist aber noch weitgehend unerschlossen.

Vielleicht ist es deshalb weiser, sich einzugestehen, dass wir über keine befriedigende Lösung verfügen und nur versuchen können, ethisch vertretbar zu handeln; auch wenn wir keine eindeutige ethische Linie besitzen, sondern zwischen verschiedenen widerstreitenden Punkten schmerzhafte Kompromisse eingehen müssen.

Eine Möglichkeit bestünde darin, sichere unterirdische Dauerlager anzulegen, die leicht zu warten sind. Roboter könnten die gefährlichsten Arbeiten übernehmen. Wenn man gleichzeitig die Entsorgungsforschung in internationalen Projekten vorantreibt, könnte der Atommüll über Jahrzehnte oder Jahrhunderte unter der Erde verbleiben, bis sich eine vertretbare Lösung findet. Diese könnte zu einem wichtigen Teil in fortschrittlichen Transmutationsverfahren bestehen.

Vielleicht stellt sich die Transmutationsforschung aber auch als zu gefährlich, zu teuer,  zu schwer kontrollierbar oder als gesellschaftlich nicht kommunizierbar und unerwünscht heraus. Und stattdessen könnte es sein, dass kommende Generation Tiefbohrtechniken und ultrastabile Materialien entwickeln, mit Hilfe derer sie Atommüllbehälter tief im Erdinneren versenken können. Es kann natürlich auch sein, dass die Wissenschaft eines Tages stagniert und unsere Nachfahren über sehr lange Zeit keinen praktikablen Fortschritt in Sachen Atommüll-Behandlung machen. Sie könnten dann die Option ziehen, alle Zugänge zum Atommüll zu versiegeln. All diese Optionen lassen wir unseren Nachkommen aber nur offen, wenn wir rückholbare Lager einrichten. Ob man diese unterirdische Zwischenlager, Dauerlager oder rückholbare Endlager nennt, ist mehr eine Frage der Konvention.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind aber nicht nur viele Forschungsprojekte durchzuführen. Es sind ethische, psychologische, soziale und politische Fragen zu klären, die eng mit den kernphysikalischen, geologischen und radiologischen Problemen verknüpft sind. Die Diskussion über diese Punkte ist von vielen Seiten emotional vorbelastet, die Atmosphäre mancherorts vergiftet, Vertrauen missbraucht worden und brüchig. Gerade deswegen ist eine offene Diskussion über diese Themen aber nicht weniger notwendig.

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